Eine Glosse von Guido Körber, Themenbeauftragter Energiepolitik
Harald Juhnke hat mal gesagt „Ich hasse Silvester, da saufen auch die Amateure“. So geht es mir mit Energiepolitik.
Kaum ein anderes Politikfeld ist so komplex. Naturwissenschaften, Technik, Kommunalpolitik, Geopolitik und Regulatorik spielen da zusammen, oder spielen halt nicht zusammen, das ist meistens das Problem. Das hält aber viele Leute nicht davon ab, eine gefestigte Meinung zum Thema zu haben, obwohl sie die Zusammenhänge nicht einmal grob kennen.
Um halbwegs sattelfest im Thema zu sein, bräuchte man ein mehrtägiges Seminar, oder halt jahrelange Beschäftigung mit dem Thema. Wer glaubt aufgrund von ein paar Zeitungsartikeln informierte Entscheidungen über Energiepolitik treffen zu können, ist den Meinungen der Artikelautoren hilflos ausgeliefert.
Energiewende auf falschem Kurs?
Die Energiewende in Deutschland läuft nicht rund, aber nicht, weil die Technik untauglich wäre, sondern weil die politischen Akteure Mist bauen und das seit vielen Jahren. Teilweise ist das Auftragspolitik, damit die Energiewende nicht zu schnell geht und man mit den fossilen Energiequellen noch ein bisschen länger Geld verdienen kann.
Um zu verstehen und nachvollziehen zu können, warum das Piraten-Energieprogramm in ganz wesentlichen Punkten anders aussieht, als das, was andere Partein fordern, und deutlich anders als das, was aktuell gelebte Politik ist, muss man tiefer in das Thema eintauchen.
Praktisches Beispiel: Strompreiszonen
Nehmen wir mal das Beispiel Strompreiszonen und was diese für Folgen haben.
Strom wird in Europa an der Strombörse gehandelt. Dabei ist der Markt in Strompreiszonen aufgeteilt, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass der Strom nicht einfach an beliebiger Stelle auftauchen kann, wenn er gekauft wird.
Dänemark hat etwas weniger Fläche als Niedersachsen und ist in zwei Strompreiszonen eingeteilt. Ganz Deutschland hat eine einzige Strompreiszone, kostet also im ganzen Land überall gleich viel.
Strom wird in unterschiedlichen zeitlichen Kategorien gehandelt, es gibt langfristigen Handel, der über Jahre gehen kann und die Grundversorgung abdeckt und kurzfristigere Handelssegmente, wie z.B. den Day-Ahead Markt, wo Strom 24 h im Voraus gehandelt wird und schließlich den Spotmarkt, der im 15 Minuten-Takt in Echtzeit läuft.
Die Details zur Preisfindung an der Strombörse lassen wir außen vor, das allein wäre mindestens ein langer Vortrag. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nur, dass der Strompreis an der Börse durch Angebot und Nachfrage in einer Strompreiszone gebildet wird.
One size fits all
Für Deutschland wird also der Preis für das gesamte Land durch einfache Additionen und Vergleich von Bedarf und Erzeugung bestimmt. Nicht berücksichtigt wird dabei, wo der Strom erzeugt und wo er verbraucht wird, denn das ist ja alles in einer einzigen Zone.
Weht im Norden viel Wind, dann wird der Strom im kurzfristigen Markt billig, denn es steht viel Strom zur Verfügung, zumindest theoretisch. Und da beginnen dann die Probleme.
Günstige Preise führen dazu, dass der Strom auch dort gekauft wird, wo das Netz ihn gar nicht hin bringen kann, denn die Fiktion der einzigen Strompreiszone, für so ein großes Gebiet wie Deutschland, nimmt keine Rücksicht auf Netzverbindungen.
Magische Stromübertragung?
Die Situation ist dann, dass im Norden Strom eingespeist wird, der dort nicht aus dem Netz entnommen wird. Im Süden wird Strom eingekauft, der dort nicht ankommt. Auch die Nachbarländer kaufen ggf. den günstigen Strom, auch hier wird nicht berücksichtigt, ob er überhaupt dort ankommt.
Netzabschnitte mit hoher Erzeugung verursachen dann das Problem, dass aufgrund des hohen Spannungsniveaus der Strom in benachbarte Abschnitte fließt und die Verbindungen überlasten kann. Um das zu verhindern, werden Erzeuger abgeregelt und andere hoch gefahren, um das Spannungsniveau in der Netzumgebung anzupassen, damit der Stromfluss begrenzt wird.
Und die Netzabschnitte, in denen der Strom entnommen wird, haben diesen gar nicht zur Verfügung, auch dort müssen dann teure Stützkraftwerke anlaufen, um das Netz stabil zu halten.
Gar nicht billig
Das verursacht deutliche Kosten. Abgeregelte Erzeuger müssen entschädigt werden, Stützkraftwerke kosten teilweise 1 € /kWh und mehr. Und unsere Nachbarn bekommen diese Belastungen der Netze natürlich auch mit ab, was dort ebenfalls zu Abregelungen oder dem Hochfahren von Stützkraftwerken führen kann.
Kommuniziert wird dazu dann aber, dass wir ständig Strom wegschmeißen würden, der trotzdem mit Milliarden bezahlt würde. Erstens ist es nicht richtig, dass die Entschädigungen Milliarden kosten würden, der Großteil der Kosten fällt für die Stützkraftwerke an und die sind fast ausschließlich fossil betrieben. Zweitens ist das kein Fehler der Erneuerbaren, sondern ein Fehler der falschen Regulierung.
Falsche Antwort hilft nicht
Die richtige Antwort lautet also nicht „die Erneuerbaren sind Schuld“, sondern „wir brauchen Strompreiszonen“. Hätten wir diese, dann würde der Strom nur da billig, wo er auch verfügbar ist. Gleichzeitig würde das ganz einfach über Marktmechanismen steuern wo neue Erzeuger, Verbraucher und Speicher entstehen.
Einfache Antworten ohne echtes Verständnis helfen nicht, denn die sind dann oft falsch.
Manchmal können Antworten in der Energiepolitik einfach und doch richtig sein, aber der Weg dahin ist komplex und setzt voraus, dass man die Mechanismen versteht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Juhnke
Titelbild mit Grok erstellt
Eine Glosse von Guido Körber, Themenbeauftragter Energiepolitik
Harald Juhnke hat mal gesagt „Ich hasse Silvester, da saufen auch die Amateure“. So geht es mir mit Energiepolitik.
Kaum ein anderes Politikfeld ist so komplex. Naturwissenschaften, Technik, Kommunalpolitik, Geopolitik und Regulatorik spielen da zusammen, oder spielen halt nicht zusammen, das ist meistens das Problem. Das hält aber viele Leute nicht davon ab, eine gefestigte Meinung zum Thema zu haben, obwohl sie die Zusammenhänge nicht einmal grob kennen.
Um halbwegs sattelfest im Thema zu sein, bräuchte man ein mehrtägiges Seminar, oder halt jahrelange Beschäftigung mit dem Thema. Wer glaubt aufgrund von ein paar Zeitungsartikeln informierte Entscheidungen über Energiepolitik treffen zu können, ist den Meinungen der Artikelautoren hilflos ausgeliefert.
Energiewende auf falschem Kurs?
Die Energiewende in Deutschland läuft nicht rund, aber nicht, weil die Technik untauglich wäre, sondern weil die politischen Akteure Mist bauen und das seit vielen Jahren. Teilweise ist das Auftragspolitik, damit die Energiewende nicht zu schnell geht und man mit den fossilen Energiequellen noch ein bisschen länger Geld verdienen kann.
Um zu verstehen und nachvollziehen zu können, warum das Piraten-Energieprogramm in ganz wesentlichen Punkten anders aussieht, als das, was andere Partein fordern, und deutlich anders als das, was aktuell gelebte Politik ist, muss man tiefer in das Thema eintauchen.
Praktisches Beispiel: Strompreiszonen
Nehmen wir mal das Beispiel Strompreiszonen und was diese für Folgen haben.
Strom wird in Europa an der Strombörse gehandelt. Dabei ist der Markt in Strompreiszonen aufgeteilt, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass der Strom nicht einfach an beliebiger Stelle auftauchen kann, wenn er gekauft wird.
Dänemark hat etwas weniger Fläche als Niedersachsen und ist in zwei Strompreiszonen eingeteilt. Ganz Deutschland hat eine einzige Strompreiszone, kostet also im ganzen Land überall gleich viel.
Strom wird in unterschiedlichen zeitlichen Kategorien gehandelt, es gibt langfristigen Handel, der über Jahre gehen kann und die Grundversorgung abdeckt und kurzfristigere Handelssegmente, wie z.B. den Day-Ahead Markt, wo Strom 24 h im Voraus gehandelt wird und schließlich den Spotmarkt, der im 15 Minuten-Takt in Echtzeit läuft.
Die Details zur Preisfindung an der Strombörse lassen wir außen vor, das allein wäre mindestens ein langer Vortrag. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nur, dass der Strompreis an der Börse durch Angebot und Nachfrage in einer Strompreiszone gebildet wird.
One size fits all
Für Deutschland wird also der Preis für das gesamte Land durch einfache Additionen und Vergleich von Bedarf und Erzeugung bestimmt. Nicht berücksichtigt wird dabei, wo der Strom erzeugt und wo er verbraucht wird, denn das ist ja alles in einer einzigen Zone.
Weht im Norden viel Wind, dann wird der Strom im kurzfristigen Markt billig, denn es steht viel Strom zur Verfügung, zumindest theoretisch. Und da beginnen dann die Probleme.
Günstige Preise führen dazu, dass der Strom auch dort gekauft wird, wo das Netz ihn gar nicht hin bringen kann, denn die Fiktion der einzigen Strompreiszone, für so ein großes Gebiet wie Deutschland, nimmt keine Rücksicht auf Netzverbindungen.
Magische Stromübertragung?
Die Situation ist dann, dass im Norden Strom eingespeist wird, der dort nicht aus dem Netz entnommen wird. Im Süden wird Strom eingekauft, der dort nicht ankommt. Auch die Nachbarländer kaufen ggf. den günstigen Strom, auch hier wird nicht berücksichtigt, ob er überhaupt dort ankommt.
Netzabschnitte mit hoher Erzeugung verursachen dann das Problem, dass aufgrund des hohen Spannungsniveaus der Strom in benachbarte Abschnitte fließt und die Verbindungen überlasten kann. Um das zu verhindern, werden Erzeuger abgeregelt und andere hoch gefahren, um das Spannungsniveau in der Netzumgebung anzupassen, damit der Stromfluss begrenzt wird.
Und die Netzabschnitte, in denen der Strom entnommen wird, haben diesen gar nicht zur Verfügung, auch dort müssen dann teure Stützkraftwerke anlaufen, um das Netz stabil zu halten.
Gar nicht billig
Das verursacht deutliche Kosten. Abgeregelte Erzeuger müssen entschädigt werden, Stützkraftwerke kosten teilweise 1 € /kWh und mehr. Und unsere Nachbarn bekommen diese Belastungen der Netze natürlich auch mit ab, was dort ebenfalls zu Abregelungen oder dem Hochfahren von Stützkraftwerken führen kann.
Kommuniziert wird dazu dann aber, dass wir ständig Strom wegschmeißen würden, der trotzdem mit Milliarden bezahlt würde. Erstens ist es nicht richtig, dass die Entschädigungen Milliarden kosten würden, der Großteil der Kosten fällt für die Stützkraftwerke an und die sind fast ausschließlich fossil betrieben. Zweitens ist das kein Fehler der Erneuerbaren, sondern ein Fehler der falschen Regulierung.
Falsche Antwort hilft nicht
Die richtige Antwort lautet also nicht „die Erneuerbaren sind Schuld“, sondern „wir brauchen Strompreiszonen“. Hätten wir diese, dann würde der Strom nur da billig, wo er auch verfügbar ist. Gleichzeitig würde das ganz einfach über Marktmechanismen steuern wo neue Erzeuger, Verbraucher und Speicher entstehen.
Einfache Antworten ohne echtes Verständnis helfen nicht, denn die sind dann oft falsch.
Manchmal können Antworten in der Energiepolitik einfach und doch richtig sein, aber der Weg dahin ist komplex und setzt voraus, dass man die Mechanismen versteht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Juhnke
Titelbild mit Grok erstellt